Morgenseiten schreiben - ein Schreibritual für den Start in den Tag

Morgenseiten sind eine wundervolle Möglichkeit, nicht nur Gedanken und Gefühle zu Papier zu bringen, sondern auch, sich den Kummer von der Seele zu schreiben.

Sie sind eine Chance, dem was wir denken und erleben und fühlen, ein Ventil zu geben. Und anders als Tagebuch schreiben hat das Schreiben von Morgenseiten keinen anderen Sinn, als den, zu schreiben: Bloß jeden Morgen. Tag um Tag.



Julia Cameron machte die Morgenseiten durch ihr Buch »Die Kunst des Schreibens*« bekannt, doch erstmals war es Charlotte Brande, die das Schreiben am Morgen in ihrem Buch Schriftsteller werden* angehenden Autoren empfahl. Und das bereits 1943.


Obwohl die Schreibmethode schon mehrere Jahrzehnte bekannt ist, habe ich sie selbst erst vor gut fünf Jahren kennen- und schätzengelernt: durch eine Bekannte, die sie benutzte. Tag um Tag. Morgen für Morgen.


Zugegeben: Damals kam mir das etwas seltsam vor, weil ich zwar selbst regelmäßig schrieb, aber mit dem Begriff Morgenseiten nicht viel anfangen konnte. Aber dann recherchierte ich und ... legte einfach los. Nach wenigen Wochen entwickelte sich so übrigens in rasender Geschwindigkeit mein allererster veröffentlichungsreifer Roman.



Warum du Morgenseiten schreiben solltest:


Ich selbst liebe es zu schreiben und ich kriege nicht genug davon, Geschichten zu Papier zu bringen. Doch selbst wenn du nicht Schriftsteller werden oder Bücher veröffentlichen willst: Schreiben ist ein Ventil für Gedanken und Gefühle: Morgenseiten schreiben bedeutet, deine Seele zu entmüllen.



Wenn ich morgens aufwache, produziert mein Kopf Sätze. Und die muss ich loswerden – durch aussprechen oder aufschreiben.

/ Ernest Hemingway /



Das, was Ernest Hemingway in dem Zitat beschreibt, erlebe ich selbst. Denn Tag um Tag sammeln sich in unserem Inneren haufenweise Dinge an.


Unausgesprochene Eindrücke. Erlebnisse. Gedanken. Gefühle.


Und wenn wir diesen Gedankenmüll rausbringen – ihn durch das Schreiben von Morgenseiten aus dem Kopf holen und in eine Tüte stopfen - dann lüften wir sozusagen unsere Seele. Wir schütteln den Staub und Unrat ab und machen sie dadurch leichter. Wie fühlen uns langfristig klarer, strukturierter und erfrischter.



Was du zum Schreiben von Morgenseiten brauchst:


- Einen DinA4 Block, wahlweise liniert, kariert oder blanko.

- Einen gut schreibenden Stift, z.b. einen Kugelschreiber oder Bleistift.

- 20-30 Minuten Zeit, direkt am Morgen




Wie schreibt man Morgenseiten?


Morgenseiten schreibt man – wie der Name bereits sagt – direkt am Morgen. Am allerbesten sogar, noch ehe du aufgestanden bist. Das heißt im Optimalfall legst du dir Block und Stift auf deinen Nachtschrank, stellst deinen Wecker 30 Minuten früher als sonst und beginnst direkt nach dem Läuten damit, die Seiten zu füllen.

Du schreibst 3 Seiten, dann stoppst du.


Du musst das, was du geschrieben hast, nicht einmal lesen. Du kannst es auch direkt in den Mülleimer schmeißen – ganz so, wie du es brauchst.


Wichtig ist: Es geht nicht darum, Schönschrift zu benutzen, hübsche Sätze oder Formulierungen zu benutzen oder gar perfekt zu schreiben. Schreib, was durch deinen Kopf geht, alles, was da zu finden ist. Von der Einkaufsliste, die du heute abarbeiten musst, über deine Sorge für das Abendessen und deine heimlichen Gefühle für den Nachbarn:

Alles ist erlaubt. Zensier dich nicht selbst, limitiere deine Gedanken nicht.


Du darfst: Fehler machen, streichen und schmieren, fluchen und jammern, träumen und wünschen. Es gibt keine andere Regel, außer die: nach 3 Seiten das Schreiben zu beenden und es jeden Morgen zu wiederholen.



Wieso hilft es, jedem Morgen zu schreiben?


Gerade morgens ist unser innerer Kritiker am Stillsten – denn er ist genauso müde wie wir. Gleichzeitig ist Schreiben ein ruhiger, fast schon meditativer Start in den Tag. Die Gedanken und Gefühle, dass was sich über Nacht in unserem Kopf angesammelt hat, loszulassen, ist, wie alte Kleidung abzustreifen und im Anschluss unter die warme Dusche zu steigen.


Es hilft, mit einem geordneteren Geist in den Tag zu starten. Denn Gedanken haben die Angewohnheit, wie Grashüpfer durch unseren Kopf zu spriten. Sie springen und hopsen, machen uns rast- und ruhelos, rauben Energie und lassen uns damit vergesslicher werden.


Entmüllen wir aber direkt nach dem Aufwachen unseren Kopf, hilft das, Energieräuber zu enttarnen, uns zu strukturieren, unserem Herze und unserer Seele frische Luft zu verschaffen und unseren Kopf zu ordnen.



Worauf du beim Morgenseiten schreiben achten solltest, wenn du psychische Probleme hast:


Morgenseiten schreiben ist keine therapeutische Methode, sondern ein kreatives Achtsamkeitsritual, dass dir helfen kann, innere Blockaden zu lösen, dich mit deiner Kreativität vertraut zu machen und mit Gedanken und Gefühlen in Kontakt zu kommen. Sie zu schreiben kann helfen, Gedankenkreisel aufzulösen, innere Wünsche und Träume aufzudecken oder auch Struktur in den Alltag zu bringen. Aber sie ersetzen keine Therapie.


Genauso wie beim Expressiven Schreiben gilt auch hier: Wenn es sich nicht gut anfühlt, negative Gedanken aufkommen oder du dich unwohl fühlst: Unterbrich das Schreiben für den Moment oder sogar ganz. Rede mit einem Therapeuten oder Arzt oder such dir auf andere Weise Hilfe. Beispielsweise bei der Nummer gegen Kummer.