Psychotherapie: 9 Gründe, warum du ein Therapie-Tagebuch führen solltest

In den USA gehört das Führen von Tagebüchern nicht nur zu den therapeutischen Grundwerkzeugen innerhalb einer Therapie, sondern hat sogar eine eigene Therapierichtung: Die Tagebuch-Therapie (Journal-Therapy)eine Variation der Schreibtherapie auf Grundlage des therapeutischen Schreibens1966 entwickelt von Ira Progroff.


Doch ganz egal, welche Art von Therapie du machst und ob du ambulant, stationär oder im tagesklinischen Setting an deinen psychischen Problemen arbeitest: Ein Therapie-Tagebuch zu starten bringt einige Vorteile mit sich.



1. Therapieziele ausformulieren.

Gerade zu Beginn einer Therapie geht es nicht selten darum, die eigenen Therapieziele auszuformulieren.


Jedes Mal, wenn ich einem neuen Therapeuten gegenüber saß, fragte er mich, was mich zu ihm oder ihr geführt hat oder was ich mir von einer Therapie versprach.


Deine Ziele und Wünsche, Vorstellungen und Ängste auszuformulieren kann nicht nur dabei helfen, dir selbst bewusst zu machen, wie dein Weg aussehen soll, sondern auch dem Therapeuten eine Richtung geben, an der ihr gemeinsam arbeiten könnt. Gerade dann, wenn du mit sehr unterschiedlichen seelischen und körperlichen Problemen kämpfst, die sich gegenseitig bedingen oder sogar behindern, kann es hilfreich sein, sich einmal schriftlich mit dem Für- und Wider auseinanderzusetzen, Teil-Ziele und Zwischenschritte festzuhalten.


Gleichzeitig gibt das schriftliche Festhalten deiner Therapieziele dir die Möglichkeit, dich in Momenten des Zweifelns noch einmal mit deinen ganz eigenen Gründen für eine Therapie auseinanderzusetzen oder dich sogar daran zu erinnern, wo du wirklich gestartet bist.



2. Selbstreflexion starten.

Aufzuschreiben, was du empfindest und welche Gedanken durch deinen Kopf kreisen, kann helfen, dich selbst besser verstehen zu lernen. Schreiben hilft dabei, innezuhalten und belastende Gefühle und Ereignisse in Worte zu fassen. Du kannst ihnen folgen. Herausfinden, weshalb du traurig oder wütend bist und durch Analyse, Reflexion und gezielte Beobachtungen ein tieferes Verständnis für Symptome und Gefühlszustände bekommen.


Dadurch dass du wage Gefühle benennen lernst, fällt es dir langfristig zudem leichter diese zu verbalisieren und innerhalb der Sitzungen über das zu sprechen, was dich wirklich beschäftigt oder belastet.



3. Fortschritte und Erkenntnisse protokollieren.

In deinem Therapietagebuch einzelne Therapiesitzungen Revue passieren lassen, hilft das Besprochene besser zu integrieren. Du kannst dir das Gesagte noch einmal durch den Kopf gehen lassen und Gedanken, Gefühle und Hintergründe festhalten. Gleichzeitig gibt es dir die Möglichkeit, eventuelle Irritationen und Fragen zu notieren, um sie beim nächsten Termin zu besprechen.


Auch im Rückblick und nach Wochen hast du so die Möglichkeit, bestimmte Gedankengänge oder Erkenntnisse nachzulesen oder noch einmal zu vertiefen.




4. Tipps und Skills für Krisen sammeln.

Während der Therapieeinheiten werdet ihr gezielte Situationen durchsprechen, Krisen näher beleuchten und Tipps und Werkzeuge suchen, die dir helfen, mit Problemen oder Situationen besser zurecht zu kommen. Diese sogenannten Skills in deinem Therapietagebuch festzuhalten, bedeutet, sie in einer ähnlichen Situation zur Hand zu haben.


Du hast beispielsweise festgestellt, dass Lesen dich erdet oder du beim Telefonieren mit deiner Mutter immer ein Kaugummi kauen musst, um ihre Stimme zu ertragen? Dann schreib es hinein. Direkt neben die Tipps gegen Selbstverletzung oder das, was du bei einem Flashback tun kannst.


Alles, was du aufschreibst und an einem Ort aufbewahrst, an dem du es gut wiederfindest, dient dir als Ressource in einer akuten Krise.


Übrigens: Zusätzlich zu deinen ganz eigenen Strategien und Werkzeugen kannst du dort wichtige Telefonnummern und Listen anlegen, die dir im Notfall Hilfestellung bieten.



5. Beobachtungen und Erfahrungen zwischen den Sitzungen Raum geben.

Die Zeiten zwischen therapeutischen Terminen können je nach Therapieform lang sein und oft, wenn wir wieder im Behandlungszimmer des Therapeuten sitzen, wissen wir gar nicht mehr genau, was alles in der Zwischenzeit passiert ist.


Wie war es nochmal, aus diesem schlimmen Alptraum zu erwachen? Was habe ich gefühlt, als mein Mann mir im letzten Streit an den Kopf geworfen hat, dass ich egoistisch bin? Wie viele Flashbacks musste ich aushalten? Wie oft hatte ich den Drang zu essen oder konnte einfach nicht richtig einschlafen?


All das, was du gerne in deiner Therapie besprechen oder erzählen möchtest, alles, was du wichtig findest, kannst du mithilfe eines Therapietagebuchs festhalten und so mit in die Sitzung nehmen.




6. Symptome einem genaueren Blick unterziehen und dokumentieren.

Manche psychischen Erkrankungen haben mehr schwere Symptome als andere. Manche sind unspezifisch, andere so wichtig, dass du ihnen mehr Beachtung schenken solltest.


Wenn du beispielsweise unter Depressionen leidest, kannst du ein Therapietagebuch dafür nutzen, um deinen Antrieb und deine Motivation zu beobachten.


Leidest du unter einer Essstörung, kämpfst z.b. mit dem Drang dich zu überessen oder hast Schwierigkeiten, genug oder ausreichend Nahrung zu dir zu nehmen: dann kannst du das in einem Therapietagebuch dokumentieren.


Ein gezielter Blick auf Symptome und spezifische Eigenschaften hilft nicht nur, deine Wahrnehmung zu schulen und so Nuancen und Veränderungen schneller wahrzunehmen, sondern verschafft euch obendrein Einblick in Verlauf, Schwere und Wechselwirkungen deiner Erkrankung.



7. Medikamentöse Einstellung begleiten.

Neue Medikamente bürgen oft die Gefahr unerwünschter Nebenwirkungen oder Wechselwirkungen. Wenn du im therapeutischen Kontext ein neues Medikament verschrieben bekommst, eine Dosiserhöhung ansteht oder ein Medikament abgesetzt werden soll, dann kannst du dies ebenfalls in deinem Therapietagebuch festhalten.


In deinen Eintragungen kannst du nicht nur die Dosis festhalten, sondern all das, was dir vor oder nach der Einnahme auffällt. Auch die Menge an Bedarfsmedikamenten, die du zu dir nimmst, kann so dokumentiert und festgehalten werden.


Deinem Arzt und auch dir selbst gewährst du so einen Einblick in körperliche und emotionale Symptome, Veränderungen in Gefühls- und Gedankenwelt und deinem alltäglichen Erleben. Auf diese Weise kann das Finden der optimalen Dosierung einfacher, schneller und gezielter vonstattengehen.



8. Das Therapie-Tagebuch als Stimme nutzen, wenn dir die Worte fehlen.

Vielleicht fällt es dir generell schwer innerhalb eines Gesprächs die passenden Worte zu finden – oder aber es gibt ein Thema, das du einfach nicht ansprechen kannst, obwohl du weißt, dass es wichtig ist. Gerade bei traumatische Erfahrungen und Dingen, für die wir uns schämen, bestehen oft große innerliche Hemmschwellen.


Kommst du innerhalb der Therapie an solch einen Punkt, kannst du dein Therapietagebuch mit in die Sitzung nehmen, um ggf einige Passagen vorzulesen, oder du kannst deinen Therapeuten bitten, diese selbst zu lesen.




9. Als Chronik deines Weges und Rückschau nutzen.

Therapien dauern je nach Art und Form mehrere Wochen bis Jahre. Mit einem Therapietagebuch erhältst du nicht nur wertvolle Erkenntnisse über dich selbst und deinen Weg, sondern eine detaillierte Chronik deiner Erkrankung. Auch Jahre später kannst du so nachlesen, wie du dich gefühlt hast oder wie bestimmte Erkenntnisse dein Leben verändert haben.


Ein Therapietagebuch kann zu einer wahren Fundgrube deiner Erfahrungen, Erfolge und Erkenntnisse werden und dir auch in der Zukunft wertvolle Informationen für deinen Weg bereitstellen.




Das richtige Therapietagebuch finden.

Ein therapeutisches Journal kannst du sowohl handschriftlich, als auch an deinem PC oder im Internet führen. Der Vorteil am handschriftlichen Führen liegt darinnen, dass das Schreiben mit der Hand überall funktioniert und du deine Aufzeichnungen auch mit in die Therapiesitzung nehmen kannst , um dort vor, während oder nach der Sitzung bereits Stichpunkte aufzuschreiben.


Ein digitales Therapietagebuch bietet den Vorteil, dass du auch größere Textmengen sortieren und abspeichern kannst. Bei Bedarf kannst du Textpassagen z.b. auch einfach per Email versenden oder ausdrucken.



Ganz egal wofür du dich entscheidest: Wähle dein Tagebuch so, dass es zu dir und deinem Leben passt.


Ein Tagebuch oder Therapie-Journal muss außerdem keine seitenweise Abhandlung deines Innenlebens repräsentieren – du kannst es ganz so führen, wie es sich richtig anfühlt. Und auch wenn du es für die Therapie schreibst, bedeutet das nicht automatisch, dass dein Therapeut oder deine Therapeutin es zum Lesen bekommen muss.



Wie bei allem was du schreibst gilt auch hier: Du entscheidest, was du wem, wann und unter welchen Voraussetzungen zeigst.