Entlastung für die Seele - 5 Gründe, ein Tagebuch zu führen

In der schlimmsten Zeit meines Lebens habe ich mehrmals täglich geschrieben. Ich vertraute meinem Tagebuch alles an.

Das, was ich niemanden erzählen konnte. Das, wofür ich mich schämte. Das, wonach ich mich sehnte: Eine Familie, die mich wirklich liebte, jemanden, der mir zuhörte, das Ende meines jungen Lebens.


Ich schrieb all meine Gedanken und Gefühle nieder, ließ sie dort, zwischen den dünnen Seiten aus Papier und fühlte mich so weniger alleine und weniger ausgeliefert.


Damals fand ich für mich selbst heraus, dass Tagebuch schreiben selbsttherapeutisch sein kann. Weil es nicht nur meine Seele entlastete, sondern mir ein Ventil für meinen Schmerz gab. Doch diese Entdeckung war nicht nur mir alleine vorbehalten, denn schon im zehnten Jahrhundert nutzten japanische Frauen eine Art Tagebuch, um Gedanken über die Liebe und ihre Gefühle festzuhalten.


Und bereits ein Jahrhundert später war es Anne Frank, die in jenem Hinterzimmer ihres Verstecks all ihre Gedanken in ein Tagebuch schrieb und uns damit auch heute noch Zugang zu ihrem Leben in einer Zeit gewährt, die wir selbst nie erlebt haben.



Heute möchte ich dir deshalb fünf Gründe geben, warum auch du ab sofort ein Tagebuch führen solltest.


1. Lerne dich selbst besser kennen


Jeder von uns hat verschiedene Persönlichkeits-Facetten. Seiten, die er vorrangig präsentiert und Seiten, die er vor anderen oder sogar sich selbst versteckt. Während du im Alltag versuchst, diese Seiten voneinander fernzuhalten, sie zu trennen, musst du das beim Tagebuch schreiben nicht. Denn dort haben sowohl deine glänzenden als auch deine dunklen Seiten Platz. Dort kannst du gleichzeitig voller Zuversicht und voller Zweifel sein. Du kannst dich über deine Beförderung freuen, während du im selben Moment deinen Partner vermisst.


Du kannst deine Gedanken und Gefühle festhalten, sie erforschen, ihnen folgen – zu tieferen Gedanken und Erinnerungen, zu Punkten deines Lebens, die du vor anderen weder ansehen noch zugeben kannst.


In deinem Tagebuch kannst du Mama und Ehefrau sein und gleichzeitig das kleine verletzte Mädchen, das seinen eigenen Vater furchtbar vermisst. Du kannst selbstbewusst eine Entscheidung treffen und gleichzeitig mit all deinen Empfindungen an einer Weiteren zweifeln.


Du kannst traurig und wütend sein – auf deinen Mann, deine Kinder, dich selbst – du kannst aussprechen, was du wirklich denkst, aufschreiben, was du wirklich fühlst, sein, wer du bist. Mit all deinen Schwächen und Stärken, Ängsten und Sorgen. Erinnerungen und Vorurteilen.




2. Halte deine persönliche Geschichte fest


Indem du Tagebuch schreibst, kannst du deine eigene Geschichte chronologisch festhalten. Dein Alltag, deine Gedanken, deine Gefühle bekommen einen Platz für die Ewigkeit – doch nicht nur das. Schlussendlich bedeutet das Führen eines Tagebuchs, dass du darinnen auch die Reise deines Inneren dokumentierst: Dein inneres Wachstum, deine Träume und Sehnsüchte, deine Hoffnungen und Ängste, deine Sorgen und Antriebe.




3. Entdecke deine Kreativität


Tagebücher kennen keine Tabus – alles kann dort seinen Platz finden. Du kannst malen, zeichnen, Geschichten erfinden, Gedichte schreiben, Songfetzen festhalten,... Dein Tagebuch kann eine offene Leinwand sein: für all das, was du empfindest oder glaubst oder fühlst oder willst.




4. Finde dein Ventil


Es ist egal, ob du gerade in einer schwierigen Beziehung steckst, Streit mit einer Freundin hast oder dich schmerzvolle Erinnerungen lähmen: Ein Tagebuch kann ein geschützter Ort sein, an dem du nicht nur mit Schmerz in Kontakt kommen, sondern auch deine Wut und deine Verzweiflung herauslassen kannst.


Du musst weder zensieren, was du sagen möchtest, noch musst du Angst vor einer Reaktion haben. In einem Tagebuch kannst du Gedanken und Gefühle ungefiltert herauslassen: du kannst deinen Partner mit Schimpfwörtern malträtieren, deinen Chef kleinmachen oder deiner Mutter all das an den Kopf werfen, was du ihr im persönlichen Gespräch niemals sagen könntest. Du kannst weinen oder schreien, in den Stift beißen oder die Seite herausreißen, nachdem die Worte deinen Kopf verlassen haben.



5. Distanz schaffen & Klärung möglich machen


Indem, dass du aufschreibst was dich belastet – egal ob das drängende Gedanken, alter Schmerz oder lebendige Erinnerungen sind, – nimmst du Gefühlen die Spitze und schaffst Abstand.


Dadurch hast du die Möglichkeit, innezuhalten, das, was du aufgeschrieben hast, durchzulesen und ggf zu durchdenken. Oft macht das Aufschreiben einen sensibler und weniger impulsiv und gibt einem so die Möglichkeit, auch andere Sichtweisen als die Eigene zu sehen.


Beispielsweise kannst du so einem Streit nicht nur aus der akuten Verletzlichkeit betrachten, sondern auch die Sicht des Partners oder der besten Freundin miteinbeziehen. Du kannst nach Argumenten suchen, passende Worte finden und so – wenn du das möchtest – klarer in dem werden, was du jemand Anderen sagen möchtest.